Eckhardt, Gottlob Albert Reinhold
1903 – 1992
Jura-Studium Freier Journalist 1948-1968 Redakteur beim Süddeutschen Rundfunk Reinhold Eckhardt (1903-1992) – ein Widerstandskämpfer aus Plattenhardt (von Gudrun Silberzahn-Jandt) Am 15. Februar 1933 wurde bei einer Wahlkampfrede Hitlers in der Stuttgarter Stadthalle das Rundfunkkabel durch vier Stuttgarter Arbeiter an der Werderstraße mit einem Axthieb durchtrennt, so dass die Übertragung auf den Stuttgarter Marktplatz sowie im Süddeutschen Rundfunk abrupt beendet war. Sie hatten damit dem Diktator buchstäblich das Wort abgeschnitten. Dieses sogenannte „Kabelattentat“ erregte großes Aufsehen. Mit einem Bekennerschreiben meldete sich am nächsten Tag die Stuttgarter KPD. Die Täter konnten hingegen zunächst nicht gefasst werden, erst 1935 wurden sie durch die Gestapo aufgespürt und zu langen Haftstrafen verurteilt. Immer wieder wird dieses „Kabelattentat“ mit einem jungen Plattenharter namens Reinhold Eckhardt in Verbindung gebracht. Allerdings entspricht dies nicht den Tatsachen. Was steckt nun hinter dieser sich hartnäckig haltenden Erzählung? Und wer war Reinhold Eckhardt? Rund zwei Wochen nach dem „Kabelattentat“ – am 2. März 1933 – drangen drei junge Männer in den Sendesaal des süddeutschen Rundfunks ein und riefen mitten in die Sendung: »Nieder mit Hitler! Wählt Sozialdemokraten«. Einer von ihnen war der 29-jährige Reinhold Eckhardt aus Plattenhardt. Er wurde 1903 in Plattenhardt geboren. Sein Vater Friedrich Eckhardt (1876-1951) entstammte einer Waldenbucher Müllerfamilie, seine Mutter Luise, geb. Katzmaier (1876-1938) stammte aus Plattenhardt. Sein Vater sollte zunächst die elterliche Mühle übernehmen, erlernte aber dann das Plattenleger-Handwerk und schloss mit der Meisterprüfung ab. Der Sohn Reinhold erwies sich als sehr guter Schüler und besuchte das Realgymnasium. Eigentlich wäre er gerne Kinderarzt geworden, auf Wunsch seines Vaters nahm er jedoch ein Jura-Studium auf. Ab 1924 studierte er in Tübingen und Freiburg Jura. Für ihn als Sohn eines Handwerkers war es damals eine große Herausforderung, sein Studium zu finanzieren. Teilweise erhielt er Unterstützung durch seine Patentante, zusätzlich verdiente er seinen Lebensunterhalt durch Arbeiten nebenher. Nach dem Studium war er zunächst als freier Journalist tätig. In Freiburg kam er mit dem „Sozialistischen Studentenbund“ in Kontakt. Im Alter von 24 Jahren war er am 1. Oktober 1927 dem SPD-Ortsverein Plattenhardt beigetreten und wurde einige Jahre später dessen Vorsitzender und 1929 Vertrauensmann für den Bezirk Stuttgart. Er knüpfte rasch Kontakte zu bedeutenden Parteifunktionären und Gewerkschaftern, besuchte internationale Tagungen, verbrachte viel Zeit in Arbeiterheimen und den dortigen Bibliotheken und knüpfte Kontakte ins In- und Ausland. 1930 reiste er in die Schweiz und nach Frankreich. 1932 wurde er in das Gremium des erweiterten SPD-Landesvorstands gewählt. Diesem gehörten als prominente Sozialdemokraten unter anderem Erwin Schöttle, Emilie Hiller und Wilhelm Keil an. Mit Kurt Schumacher, der seit 1930 SPD-Reichstagsabgeordneter und erster Vorsitzender der SPD Stuttgart war, verband ihn neben dem Beruf als Journalisten auch, dass er sich in gleicher Weise gegenüber den Kommunisten abgrenzte. Als freier Journalist zu arbeiten und von dem Verdienst leben zu können, war allerdings kaum möglich. Aus diesem Grund musste sich der inzwischen in Stuttgart lebende Reinhold Eckhardt nach einer dauerhaften Stelle als Jurist umsehen. Zum 1. Oktober 1932 erhielt er mit Unterstützung von Kurt Schumacher und Jakob Weimer beim Arbeitsamt Stuttgart-Land eine Anstellung. Ihm war in Aussicht gestellt worden, dass er nach einer viermonatigen Einarbeitungszeit die Leitung des Arbeitsamtes Stuttgart-Land übernehmen solle. „Als ich am 25. Februar 1933 ins Büro kam, das war ein Großraumbüro, und wir waren vier Mitarbeiter und jeder hatte seinen Schreibtisch und viel Platz, zwei waren auch Sozialdemokraten und einer war Sympathisant. Und als ich damals ins Büro kam, da kamen die Kollegen auf mich zu und sagten: ,Herr Genosse Eckhardt, wir gratulieren Dir zur Arbeitsamtsleitung.‘ [Sie dachten, der Brief auf dem Schreibtisch sei die Beförderung, d.V.] (…) Und dann hab ich gesagt: ,ich mach jede Wette, es ist die fristlose Entlassung. Und es war die fristlose Entlassung. Anfang Februar hatte der Leiter dieser Stelle, Nebenstelle Stuttgart-Land mir verbieten wollen, politisch tätig zu sein. Und dann habe ich ihm gesagt: ,Das können Sie im Betrieb verbieten, aber außerhalb geht Sie das einen Dreck an.‘ Und der war damals wahrscheinlich auch schon NSDAP-Mitglied und wurde später Leiter des Landesarbeitsamts Stuttgart.“ Im Vergleich zu Preußen, wo massive Repressionen gegen politische Gegner an der Tagesordnung waren und Gewalt bis hin zum Einsatz der Schusswaffe gegen politische Gegner legitimiert war, herrschte in Württemberg vorerst noch eine andere, jedoch auch nicht zu beschönigende Lage. Die Versammlungs- und Pressefreiheit wurde eingeschränkt. Der Wahlkampf zu den Reichstagswahlen am 5. März 1933 war bereits stark eingeschränkt. Alle Parteien außer der NSDAP konnten für die Wahl weder in der Presse noch im Rundfunk werben. Einzig mittels Plakaten und Wahlveranstaltungen konnten sie Werbung für ihre Partei betreiben. Versammlungen von Kommunisten wurden von SA, Stahlhelm und NSDAP-Mitgliedern oder deren Anhängern massiv und oftmals mit viel Brutalität gestört. Den Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 nutzte die nationalsozialistische Regierung, um die Grundrechte der Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit mit einer erneuten Notverordnung vollends einzuschränken. Die württembergische Landesregierung verbot kommunistische Zeitungen, Druckschriften, Flugblätter und Plakate sowie Versammlungen der KPD. Nicht nur Kommunisten, sondern auch Sozialdemokraten wie Reinhold Eckhardt, die bei einer staatlichen Behörde arbeiteten, wurden von heute auf morgen wegen ihrer Parteizugehörigkeit bereits vor der Notverordnung entlassen. Reinhold Eckhardt ließ sich dadurch nicht einschüchtern und vertrat sein politisches Ziel, die Herrschaft der NSDAP auf demokratische Weise zu verhindern, weiterhin. Da es für die SPD nahezu unmöglich war, Wahlkampfveranstaltungen abzuhalten, diskutierten insbesondere junge Sozialdemokraten und Mitglieder des Reichsbanners jegliche weitere Möglichkeit, um medienwirksame Propaganda für die SPD und ihre Ziele zu machen. Während die NSDAP die Zeitungen und das noch junge, moderne Medium den Rundfunk nutzen konnten, war dies der SPD untersagt. Da der Rundfunk unter den jungen Sozialdemokraten und Arbeitern ein wichtiges Instrument zur Verbreitung von Interessen, von neuen Ideen und von Bildung darstellte, reifte innerhalb weniger Tage bei ihnen die Idee, dieses zu nutzen. „Wir hatten ja keinerlei Möglichkeit mehr, über den Rundfunk zu sprechen.“ erzählte Reinhold Eckhardt. „Und da hatten wir vier folgende Idee: Am Donnerstagnachmittag um drei ist im Waisenhaus am Charlottenplatz als Livesendung Englischunterricht für Arbeiter. Und da ist die Besetzung im Saal so gut, dass wir da eine Durchsage riskieren können. Da passiert nix, weil’s Sozialdemokraten sind, alle.“ Zu viert hatten sie sich verabredet, einer hatte die Aufgabe, die drei mit einem angemieteten Auto hinzufahren und fluchtbereit vor der Tür zu warten. Sie verabredeten sich, was sie über den Äther verkünden wollten. Nämlich. „Nieder mit Hitler, nieder mit dem Nationalsozialismus, wählt Sozialdemokraten, wählt Liste 2, es lebe die Freiheit.“ Am vereinbarten Tag, dem 2. März fuhren die drei Männer aus Stuttgart, Reinhold Eckhardt, der Elektromonteur Ernst Walter und Waldemar Besson, chauffiert von Ernst Vogt in einem Mercedes zum Waisenhaus. Eckardt erinnerte sich: „Der Fahrer blieb in der Ausfahrt stehen mit laufendem Motor und blieb sitzen. Wir drei gingen rauf und ließen unser Sprüchlein los. Die waren so perplex, als wir das wiederholten, dass die das erst dann begriffen.“ Anschließend flohen sie mit dem Auto. Am nächsten Tag war in der Presse davon zu lesen. Der Filder-Bote bezeichnete diese Tat nicht als politische, sondern nannte es einen „Störungsversuch“. Auch wird notiert, lediglich ein Mann hätte gerufen „Nieder mit Hitler! Freiheit!“. Damit wird ein wichtiger Teil der politischen Botschaft verschwiegen. Noch am gleichen Abend wurden die vier Männer festgenommen und dem Schnellrichter vorgeführt. Besson erhielt 6 Wochen Gefängnis und 6 Wochen Haft, Walter 4 Wochen Gefängnis und 6 Wochen Haft, Eckhardt und Vogt je 3 Wochen Gefängnis und 3 Wochen Haft. Eckhardt wurde noch vor Haftantritt in der Büchsenstraße in „Schutzhaft“ genommen. Er verbrachte den Wahltag somit im Gefängnis, drängte aber darauf, dass auch er als Gefangener wählen dürfe, was ihm, der nicht davon abließ, den Wärter darauf aufmerksam zu machen, dann zugebilligt wurde. Tags darauf wurde er entlassen, die Haftstrafe sollte er später antreten, wurde aber auf offener Straße von der SS bedroht, ohne dass die Polizei eingriff. Er wagte es nicht mehr, in seiner Wohnung zu nächtigen und fand Unterschlupf in einem Arbeiterheim. Am 10. März 1933 floh er Richtung Bodensee und gelangte über Bregenz am 11. März in die Schweiz. Nach seiner Ankunft in Zürich wurde er gleich zu einer Parteiveranstaltung der Sozialdemokratischen Partei eingeladen. „Sie konnten nicht verstehen, dass so etwas [die Machtübernahme der Nationalsozialisten] möglich war.“ In Zürich beantragte er politisches Asyl. Für einige Monate konnte er privat bei einem Arbeiter wohnen, danach wurde er vorübergehend in einem Hotel untergebracht und ehrenamtlich durch eine Lehrerfamilie betreut. 1933 konnten ihn seine Eltern aus Plattenhardt in Zürich treffen, im Dezember 1933 führte jedoch die Gestapo bei den Eltern eine Hausdurchsuchung durch und nahmen ihnen die Reisepässe ab, so dass keine Besuche mehr möglich waren. Da ihm als Emigrant in der Schweiz jede politische oder journalistische Tätigkeit untersagt war, befand er sich ständig in Geldnot. Er lebte von seinen Ersparnissen und der finanziellen Unterstützung durch seine Patentante. Aus diesem Grund war sein Emigrantenleben sehr karg, wochenlang lebte er beispielsweise von Reis und Milch. Seit 1935 nutzte er intensiv die Universitätsbibliothek, auch zur Lektüre internationaler Zeitungen. 1936 wurde er gemeinsam mit anderen jungen, arbeitsfähigen Emigranten in ein Arbeitslager gebracht. Das Lager, in dem er bei Straßenbauarbeiten eingesetzt war, befand sich im Kanton Uri. Er beschrieb die Arbeit als sehr hart, der nicht alle Emigranten körperlich gewachsen waren. Eckhardt war jedoch solch anstrengende und mühselige Arbeit von seiner Jugend in Plattenhardt gewohnt. Unter den Zwangsverpflichteten waren weniger politisch Verfolgte als vor allem jüdische Emigranten. Unmittelbar vor dem Einsatz im Arbeitslager hatte er eine vermögende Schweizerin geheiratet. Sein Schwiegervater hatte die Idee, für das junge Paar eine Landwirtschaft zu erwerben, die Eckhardt dann betreiben sollte. Allerdings erteilte ihm die Fremdenpolizei hierfür keine Arbeitserlaubnis, daraufhin verwarf sein Schwiegervater diesen Plan wieder. In Zürich hatte er Kontakt zu anderen deutschen Exil-Sozialdemokraten wie Hans Venedey, der für kurze Zeit in der Schweiz, dann in Paris im Exil lebte, und 1945/1946 hessischer Innenminister war, oder Wilhelm Hoegner, dem späteren bayerischen Ministerpräsidenten. Doch blieben ihnen offiziell sämtliche politischen Tätigkeiten verboten, und eine Untergrundtätigkeit baute keiner dieser Männer auf. Hoegner jedoch arbeitete an einem Konzept einer demokratischen Verfassung, die später für die Bayerns Pate stand. 1939 entzogen ihm die deutschen Behörden seine deutsche Staatsangehörigkeit, damit war er staatenlos. Ende 1945 kam Reinhold Eckhardt nach Deutschland zurück und kam zuerst in ein amerikanisches Internierungs-Lager bei Darmstadt. Sein Problem war, dass er nur einen Emigranten-Ausweis, aber keinen deutschen Pass hatte. Er wandte sich schließlich an Hans Venedey, der inzwischen zum hessischen Innenminister aufgestiegen war. Mit seiner Unterstützung wurde er schließlich aus dem Lager entlassen und konnte in einem offenen Lastwagen nach Stuttgart fahren. In Plattenhardt traf er in seinem elterlichen Haus seinen Vater, sowie seine Patentante und seinen Onkel an. Vergeblich bemühte er sich anschließend darum, eine Stelle innerhalb der Stuttgarter SPD zu bekommen. Ebenso erfolglos waren seine Versuche, in Zürich einen Arbeitsplatz zu finden. Schließlich fand er im April 1948 eine Stelle als Redakteur beim Süddeutschen Rundfunk, 1949 erhielt er wieder die deutsche Staatsangehörigkeit. Schließlich strengte er auch ein Wiedergutmachungsverfahren an, um eine Entschädigung für den entgangenen Verdienst sowie eine finanzielle Entschädigung für seine beschlagnahmten Bücher zu erhalten. Das Verfahren endete mit einem Vergleich. Er arbeitete nun zwei Jahrzehnte lang als Redakteur beim Süddeutschen Rundfunk, bis er 1968 in den Ruhestand trat, 1992 verstarb er in Stuttgart. aus: Filderstädter Schriftenreihe zur Heimat- und Landeskunde, Band 24 „Plattenhardt – eine Ortsgeschichte“
Eltern
- Eck(h)ardt, Jakob Friedrich1876 – 1951
- Eck(h)ardt, Luise Christiane geb. Ka(t)zmaier1876 – 1938
Ehe
Lebenslauf
- 10.10.1903 Geburt Plattenhardt
- 1935 Heirat CH
- 1992 Tod Stuttgart